Der Ungarsteig in Breitenberg
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Aus zahllosen Westernfilmen sind uns mehr oder weniger gut die Lebens- und Arbeitsweisen der Cowboys in den Prärien von Texas oder der Gauchos in den Pampas von Argentinien, die gerissenen Praktiken geschäftstüchtiger Viehhändler sowie für die Menschen und Tiere gleichermaßen entbehrungsreichen, gefährlichen Viehtriebe zu Bahnhofstationen und Häfen bekannt. „Wildwest“ in Europa, genauer gesagt auf dem Ungarsteig in der „Neuen Welt“, um Breitenberg im Land vor dem Dreisessel, über den eine Teilstrecke des transkontinentalen Ochsenhandel zwischen 1350 und 1620 führte, der in einem „Big Business“ die höchst elementaren Bedürfnisse großer Menschenmassen nach Fleisch befriedigte, ist freilich ziemlich unbekannt. An der Wende vom Spätmittelalter zur Neuzeit hatten sich in Frankreich, in Flandern, entlang des Rheins, in Schwaben, zwischen der Oberpfalz und Nürnberg, dem „Ruhrgebiet des Mittelalters“, relativ dichtbesiedelte Gewerberegionen mit Leinen- und Baumwollindustrie, mit Eisenbergbau und Metallindustrie entwickelt. Die Zusammenballung von Menschen und Gewerben in diesen Großräumen und aufblühenden Städtelandschaften war derart dicht, dass die Bevölkerung aus der Region selbst oder die Städte aus ihrem Umland mit den Erträgen der damaligen Landwirtschaft nicht ausreichend versorgt werden konnten. So entwickelte sich ein ausgezeichnet funktionierendes Transportsystem quer durch Europa, das die damaligen Zentren mit Hunderttausenden von Ochsen und Kühen pro Jahr aus Jütland, Polen, der Ukraine, Rumänien und Ungarn versorgen konnte. tl_files/breitenberg/bilder/historische-aufnahmen/Ochsenhandel Ungarsteig/ungarisches-graurind.jpgEin Teil dieser transkontinentalen „Fleischversorgung“ wurde eben auch über den Ungarsteig abgewickelt. Über Hunderte, ja Tausende von Kilometern marschierten auf eigenen „Ochsenwegen“ aus den viehreichen, zur Viehzucht und Weidewirtschaft prädestinierten weiten Ebenen Osteuropas, aus der Walachei und aus der ungarischen Tiefebene um Donau und Theiß rund 100 000 Ochsen durch Österreich, Niederbayern, über Regensburg, Nürnberg und Frankfurt in die fleischhungrigen Gewerbelandschaften und Städte am Rhein. Nachrichten über einen transkontinentalen Viehhandel setzen erst nach 1300 ein, denn davor gab es in Europa keine Rinderrassen, die den Belastungen solcher langen Wege gewachsen gewesen wären. Die genügende Robustheit brachte erst eine Zuchtform des „Bos primigenius“ („großer ungarischer Ochse“) mit, langhörnige und dichtbehaarte Rinder, die im 13. Jahrhundert die Kumanen aus der eurasiatischen Steppe in die Pußta und das halbversumpfte Alföldi zwischen Donau und Theiß gebracht hatten. Die Fleischversorgung Mitteleuropas funktionierte über Jahrhunderte hinweg erstaunlich gut, denn die Ochsen waren die „Ware, die sich selber trug“, auf ihren eigenen vier Beinen, und die in sich selbst, in ihr struppiges Fell sicher verpackt war. Dort, wo jene Ochsenwege Grenzen, Brücken, Furten oder Stadttore passierten, oder wo Ochsen auf den Markt kamen, wurden Zölle, Mauten oder andere Abgaben erhoben. Solche Register geben ziemlich gut Auskunft über diesen Ochsenhandel, der auch über den Ungarsteig lief. In seiner „ordentlichen Verzeichnus des ungarischen Viehs, so das ganze Jahr 1588“ durch Ulrichsberg (OÖ) und weiter über den Ungarsteig getrieben wurde, verrechnete der dortige Richter und Mautner des Stiftes Schlägl, Jakob Böck, zwischen dem 14. Juli und dem 8. November für insgesamt 5158 Ochsen und Kühe eine Mauteinnahme von gut 42 Gulden. Um die kaiserliche Mautstelle in Linz zu umgehen oder dem überfüllten „Ochsenweg“ entlang der Donau und der mit hohen Risiken verbundenen Furt durch den wilden Inn bei Schärding auszuweichen, wählten vor allem bayerische Viehhändler die etwas ruhigere „Ochsentour“ durchs bergige Mühlviertel, um über den Ungarsteig und Waldkirchen ihre Herden Richtung Regensburg zu treiben. Dabei orientierten sich die Ochsentreiber an der „Klafferstraß“, dem alten Handelsweg, der den „Salzniederlagsmarkt“ Waldkirchen am Goldenen Steig über Jandelsbrunn, Klaffer und Ulrichsberg mit dem rosenbergischen Herrschaftsbereich in Südböhmen verband. 1522 notierte der Pfleger der passauischen Herrschaft Wolfstein: „Die meisten fetten Ochsen kommen aus der Herrschaft Rannariedl (Österreich) über den Clafferwald“. Der Ulrichsberger Mautner und Richter Jakob Böck hält für 1588 die Namen dieser Viehhändler fest: 

tl_files/breitenberg/bilder/historische-aufnahmen/img483.jpg14. Juli von Sebastian Kalmsteiner aus Straubing 140 Stück
1. Aug. derselbe 209 Stück
6. Aug. von Isaak Diendorfer aus Ingolstadt 21 Stück
6. Aug. von Peter Weiß aus Straubing 145 Stück
11. Sept. von Wolf Merl aus Ulm 154 Stück
11. Sept. von Siegmund Kalmsteiner aus Straubing 125 Stück
19. Sept. von Michael Burghard aus Augsburg 200 Stück
19. Sept. von Peter Raidinger aus Plattling 130 Stück
19. Sept. von Abraham Burghard aus Augsburg 194 Stück
20. Sept. von Christl Hoppenböck von Straubing 54 Stück
26. Sept. von Martin Burghard aus Augsburg 260 Stück
26. Sept. von Jörg Metzger aus Ulm 148 Stück
3. Okt. von Sebastian Kalmsteiner aus Straubing 332 Stück
10. Okt. derselbe 109 Stück
1. Nov. von den Regensburgern u. Augsburgern 437 Stück
8. Nov. von denselben 646 Stück

Begleitet wurden diese Viehtriebe von einem „Ochsenkapitän“ auf je 100 Stück und 5 bis 6 ungarischen „Haiduken“, die als berittene Treiber die Herden zusammenhielten. Die tägliche Marschleistung der Herden war auf etwa 15 Kilometer begrenzt, und der Trieb konnte nur in der guten Jahreszeit erfolgen, wenn es Tränken und Futter gab und auch die einzelnen Furten passierbar waren. So ein Ochsentreck war also ein Unternehmen über mehrere Monate, unterbrochen durch die Pausen zum Wiederkäuen und längeren Zwischenmasten, damit das Vieh gesund und auch mit einer möglichst großen Fleischmasse an ihr Ziel gelangte. Diese langsam sich dahinschleppenden Herden bewegten sich aber kaum auf den allgemeinen Verkehrswegen, auf denen die Planwagen der Kaufleute, die Karossen der Eilpost, Depeschenreiter und Reisende dahinsprengten, Handwerksburschen und Pilger wanderten oder Truppenkontingente mit ihrem Tross zogen. Sie hätten die Trassen verstopft und Harn, Kot und Mist von vielen hunderten Rindern hätten die ohnehin schlechten Straßen in unpassierbaren Morast verwandelt. Deshalb benützen die „Ochsenkapitäne“ zwischen Ulrichsberg und Jandelsbrunn nicht die „Klafferstraße“, sondern wählten ihre Route über den sogenannten Ungarsteig, der sich südlich des Handelsweges über dem sumpfigen Tal der Michl am Nordhang des Burgstallberges entlang zog. Vom späten Mittelalter bis zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges war der Ochsenhandel für die Volkswirtschaft ein unentbehrlicher Faktor. Die einen lebten von Ochsen, indem sie diese verkauften, die andern, indem sie sie aufaßen und sonst verwerteten, die dritten aber profitierten von den Ochsenzöllen. Wer sich richtig auf das regelmäßige Vorbeiziehen der Herden einzustellen wusste, konnte leicht zu Wohlstand kommen. Das Vieh musste ja gesund und möglichst kräftig ans Ziel gelangen. Dazu benötigte man Futter und Tränke, Ruheplätze zum Wiederkäuen und für die Nacht, Wartung bei kleinen Verletzungen. Das Begleitpersonal brauchte Zehrung, Trank und Quartier. Entlang der Ochsenwege kauften Händler bis tief ins Hinterland systematisch Heu und Stroh zusammen, um sie mit sicherem Gewinn an die Ochsenkapitäne loszuschlagen. Mit diesem transkontinentalen Ochsenbetrieb entwickelte sich ein blühender Tauschhandel, bei dem häufig Tuchballen aus dem westlichen Europa direkt gegen lebende Ochsen auf die Märkte des östlichen Europas geliefert und verrechnet wurden. Viele Metzger entlang der Ochsenwege spezialisierten sich auf Viehgroßhandel und wurden durch das Tauschsystem gleichzeitig bedeutende Tuchhändler. So erinnert der „Ungarsteig“ in der „Neuen Welt“ bei Breitenberg noch heute an jenen überregionalen transkontinentalen Ochsenhandel, der vor mehr als 600 Jahren für die Entwicklung der großen Stadt- und Gewerbelandschaften in Mittel- und Nordwesteuropa sowie für das Überleben vieler Menschen über einen Zeitraum von fast 300 Jahren von eminenter Bedeutung war.

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Breitenberg, ein starkes Stück Heimat...